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„Eines Tages werden wir die Lösung finden“

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Unter dem Motto „Rehab der Zukunft – Quo vadis?“ nehmen Mediziner und Therapeuten bei der 33. Jahrestagung der Deutschsprachigen medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie (DMGP) vom 22. bis 25. April 2020 in Nottwill (Schweiz) die Chancen, Möglichkeiten und Herausforderungen der Zukunft in den Fokus. Die rasanten technologischen Fortschritte unserer Zeit aber auch die Veränderungen, die der demografische Wandel mit sich bringen wird, sind wichtige Themen des Kongresses im schweizerischen Nottwil.

Nottwil. In der Eingangshalle des Schweizer Paraplegiker-Zentrums in Nottwil, dem Tagungsort des DMGP-Kongresses 2020, schwebt ein metallisch-bemannter, geflügelter Rollstuhl unterm Glasdach. Eine Art Otto-Lilienthal-Fluggerät mit Rädern mit Propeller am Heck, Handantrieb und Doppeldecker-Schwingen. Es schwebt – nicht absichtlich freilich – auch ein bisschen sinnbildlich über der hiesigen Zusammenkunft der Fachleute aus dem gesamten deutschsprachigen Raum vom 22. bis 25. April, wenn doch ihr Tagungsmotto 2020 lautet: Rehab der Zukunft – quo vadis?

Eher lernt der Rollstuhl das Fliegen, als dass der querschnittgelähmte Mensch ihn wieder verließe? Von Zeit zu Zeit kommen aus Richtung der Forschung Meldungen, die den Durchbruch verheißen oder doch einen gewaltigen Schritt in die Richtung. Natürlich bleibt die große Vision: die Heilung. Ein Leben ohne Hilfsmittel. „Irgendwann in der Zukunft werden wir die Lösung dafür finden“, sagt Tagungsleiter Dr. med. Michael Baumberger, Chefarzt am Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. „Doch es lässt sich nicht sagen, wann. Noch sind wir nicht so weit.“

Der Blick in die Zukunft offenbart hingegen ganz konkrete Fortschritte, Trends und Herausforderungen: „Unter dem Thema ‚Rehab der Zukunft – Quo vadis‘ wollen wir die Chancen und neuen möglichen Behandlungsoptionen diskutieren, die sich aus dem derzeit rasanten technologischen Fortschritt ergeben“, sagt Baumberger. Im Vordergrund steht (noch) nicht die Aussicht auf Heilung. Vielmehr geht es darum, sich die medizinischen, technischen und digitalen Trends der Gegenwart und der Zukunft optimal zunutze zu machen, den Alltag der Patienten weitgehend zu erleichtern, Selbstständigkeit und Teilhabe im sozialen Umfeld und in der Berufswelt zu ermöglichen. Neue Technologien für Menschen mit Querschnittlähmung, aktuelle pharmakologische Therapieansätze, neue neurorehabilitative Maßnahmen, die Unterstützung durch Robotik oder funktionelle Elektrostimulation, Beatmungskonzepte, Inklusionsimperativ – die Mischung aus all dem, sagt Baumberger, wird neue Lösungen in der Behandlung und im Leben Querschnittgelähmter befördern.

Auch Veränderungen der Arbeitswelt mit Blick auf das „Spital 4.0“ oder gesellschaftliche Megatrends nehmen die Experten mit in den Fokus. Die demografischen Entwicklungen beispielsweise werden dazu führen, „dass wir zunehmend kombinierte Verletzungen sehen werden wie Schädel-Hirn-Trauma oder Hirnschlag in Verbindung mit einer Querschnittlähmung. Auch die Zahl der Patienten mit fortschreitender Lähmungsproblematik infolge einer Spinalkanalverengung wird steigen.“ – Die Versorgung des alten wie des chronisch kranken Patienten optimal an seinen Bedürfnissen auszurichten, seine Lebensqualität soweit es geht zu erhalten und ein Maximum an gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen, auch hier wird nicht zuletzt der technische Fortschritt Verbesserungen eröffnen.

Präklinische Versorgung und wie gehen Rettungsdienste bestmöglich vor; Komplementärmedizin und welchen Benefit bringt die Musiktherapie im neurologischen Heilungsprozess bei Querschnittlähmung – dies sind weitere Schlaglichter im vielschichtigen wissenschaftlichen Fortbildungsprogramm. Dazu das große Thema Interprofessionalität vor dem Hintergrund immer komplexer werdender Behandlungsprozesse oder die schwierige Doppelrolle pflegender Angehöriger.

Und eine vielleicht etwas realistischere Vision: Das Exoskelett, welches schon heute bestimmten Patienten den sehnlichen Wunsch, der Welt auf Augenhöhe zu begegnen, erfüllen kann und zugleich viele positive Effekte im Rahmen der Rehabilitation ermöglicht, wird in den nächsten 20, 30 Jahren als wohl mehr hin zum „Alltagsanzug“ reifen. Noch eignet es sich nicht für den „privaten“ Gebrauch. Noch müssen die Geräte kleiner werden, leichter und kostengünstiger, die Akkus langlebiger. Spannend bleibt, was die Zukunft noch bereithält. Der geflügelte Rollstuhl wird dafür Metapher bleiben.

Termin und Ort:

22. bis 25. April 2020
Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil
Guido A. Zäch Str. 1
CH- 6207 Nottwil

Tagungsleitung:

Dr. med. Michael Baumberger
Schweizer Paraplegiker-Zentrum
Physikalische Medizin und Rehabilitation

Alle Informationen zur Tagung finden Sie auf der Kongresshomepage.