Unterwegs mit Hartmut im Stadion
Eisern trotz Handicap

Fast alles ist gelähmt – außer seinem linken Arm, seinem „fürchterlichen Schandmaul“, wie er selbst sagt, und der Liebe zum 1. FC Union Berlin. „Ich wohne hier auf eisernem Land – wenn man hier wohnt, kann man nur Union-Fan sein“, sagt Hartmut Keuchel. Seit seinem Unfall ist er intensivpflegebedürftig, er wird zu Hause rund um die Uhr von Mitarbeiter*innen der bipG betreut – und trotzdem (oder gerade deshalb) gehört der Weg ins Stadion weiterhin zu seinem Leben. Wir haben Hartmut und sein Team beim Heimspiel gegen Wolfsburg begleitet – sportlich ein gebrauchter Tag, aber für ihn trotzdem ein Stück Normalität.
Am 8. Juni 2013 stürzt Hartmut in einem Altberliner Treppenhaus die Treppe hinunter. Seitdem ist er fast vollständig gelähmt, nur der linke Arm lässt sich noch bewegen. Über eine Kanüle im Hals wird er versorgt, ohne intensive Pflege rund um die Uhr wäre sein Alltag nicht möglich.
Hartmut ist Jahrgang 1954. Das erste Mal stand er 1976 im Stadion an der Alten Försterei, später fehlte dann lange die Zeit. Richtig „fest“ bei Union war er ab 2009: „Da bin ich zu Union gegangen, hab am Grillstand mitgeholfen, Kuchen verkauft, Würstchen, alles Mögliche.“ Mit dem Unfall änderte sich vieles, aber nicht seine Verbundenheit zum Verein. „Früher hab ich da gearbeitet, heute bin ich mit meiner Mitgliedskarte als Dauerkarte halt nur noch Zuschauer“, sagt Hartmut. „Aber Union bleibt Union.“
Hartmut lebt allein in einer Zwei-Raum-Wohnung im Osten Berlins. Allein – und doch nie wirklich allein, denn das Team der bipG ist rund um die Uhr an seiner Seite. Gemeinsam organisieren sie den Alltag, die medizinische Versorgung – und eben auch die Stadionbesuche.
Normalerweise versucht Hartmut, bei jedem Heimspiel dabei zu sein. In dieser Saison war das wegen längerer Krankenhausaufenthalte nicht immer möglich. „Aber eigentlich“, sagt er, „gehöre ich zu jedem Heimspiel dahin.“
Damit das klappt, braucht es mehr als nur eine Dauerkarte: „Erstmal gucken: Wann ist der nächste Spieltag? Dann organisieren wir den Parkplatz, dann brauchen wir jemanden, der mich hinfährt“, beschreibt er. Spätestens eineinhalb Stunden vor Anpfiff ist er im Stadion – genug Zeit für das, was ihm fast genauso wichtig ist wie das Spiel selbst.
Zu seinem Stadiontag gehören feste Rituale. Vor dem Spiel geht es für Hartmut immer an den alten Grillstand, wo er früher mitgearbeitet hat. „Da sag ich Hallo, quatsche blödes Zeug, das Zusammengehörigkeitsgefühl ist schon wichtig“, erzählt er.
Wenn die Vereinshymne ertönt, wird er ernst: „Das ist für mich und viele andere sehr emotional.“ Für 90 Minuten zählt dann nur noch der Platz, der Ball, die Kurve. „90 Minuten lang ist da tolle Stimmung“, sagt Hartmut. Dass es gegen Wolfsburg am Ende nicht für Punkte reicht, ändert daran wenig. „Manchmal verliert man, manchmal hat man einfach Pech.“
Auch auf dem Platz hat sich einiges verändert. „Das erste Mal in der Bundesliga eine Frau als Trainerin – ich finde, die macht das super und sie macht es gut, die Mannschaft steht hinter ihr. Natürlich gibt es da manchmal Anfeindungen von irgendwelchen Idioten im Internet, aber ich hoffe, dass wir mit ihr in den nächsten drei Spielen einfach noch ein paar Punkte holen.“ Für die nächste Saison wünscht sich Hartmut Union „gut im Mittelfeld, am liebsten in der oberen Tabellenhälfte, aber Europa muss es nicht sein“.
An diesem Samstag begleitet ihn Duc, Pflegekraft bei der bipG. Er kümmert sich darum, dass Hartmut sicher ankommt, gut sitzt, alles hat, was er braucht. Auch für Tien ist es der erste Stadionbesuch seines Lebens – und er wird ihn so schnell nicht vergessen. „Den hab ich gleich infiziert. So geht es jeder Pflegekraft, die mich belgeitet“, sagt Hartmut zufrieden. „Wer einmal da war, will immer wieder hin. Die Stimmung, der Verein – das ist einfach großartig.“
Dass Hartmut solche Tage im Stadion noch erleben kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Organisation ist komplex, der Aufwand groß – insbesondere mit intensivpflegerischem Bedarf und Kanüle. Trotzdem ist klar: Genau hier zeigt sich, was personenzentrierte Versorgung bedeutet.